Die Braut eines englischen Lords

aus:=> Anastasia - Die Energie des Lebens
Ich hatte einmal auf dem kleinen Markt der Stadt Wladimir das Glück, Zeuge eines Streits zwischen einer jungen Verkäuferin und ihrem angetrunkenen Kunden zu werden.
Die junge Frau verkaufte Zigaretten. Es war ihr anzumerken, dass sie erst vor einigen Tagen ihre Tätigkeit auf dem Markt begonnen hatte. Sie kam mit ihren Aufgaben nicht gut zurecht, verwechselte die Zigarettenmarken und bediente so ihre Kunden recht langsam. Es bildete sich bereits eine kleine Warteschlange von drei Personen. Am Ende der Warteschlange stand ein angetrunkener Mann und rief laut zu dem Mädchen: "Kannst du dich nicht etwas schneller bewegen, du Schildkröte?"
Die Wangen des Mädchens erröteten. Einige der vorbeilaufenden Menschen hielten an, um die ungeschickte Verkäuferin zu beobachten.
Der angetrunkene Mann fuhr mit seinen missbilligenden Kommentaren fort. Er wollte zwei Schachteln Zigaretten der Marke "Prima" kaufen und als er endlich dran war, weigerte sich die junge Frau, ihn zu bedienen. Rot vor Scham, den Tränen nah, teilte sie dem Kunden mit: "Sie benehmen sich beleidigend, ich lehne es ab, Sie zu bedienen.
Der Kunde erstarrte zunächst in Unsicherheit, da er eine solche Wendung im Gang der Dinge nicht erwartet hatte. Dann drehte er sich zu der immer größer werdenden Gruppe von Schaulustigen um und ergoss sich in noch größeren Beleidigungen gegen das Mädchen: "Schaut euch doch diese Jammergestalt an. Warte bis du geheiratet hast, dann hörst du noch Kräftigeres von deinem Mann, wenn du dich in der Küche wie ein gekochtes Huhn bewegst."
"Ich werde auch meinem Mann nicht gestatten, mich zu beleidigen", erwiderte das Mädchen.
"Was bildest du dir eigentlich ein, du Zwerggestalt?", schrie der Mann noch lauter und gereizter "Habt ihr gehört? Sie will ihrem Mann trotzen. Hast du etwa vor, einen englischen Lord zu heiraten?"
"Kann schon sein, das geht nur mich etwas an", antwortete die junge Frau kurz und wandte sich ab.
Die Lage spitzte sich zu. Keine von beiden Seiten wollte nachgeben. Inzwischen beobachtete eine neugierige Menge von schaulustigen Stammbesuchern des kleinen Marktes das Geschehen. Die Versammelten fingen an, sich über das Mädchen und sein Vorhaben, einen englischen Lord zu heiraten, lustig zu machen.
Vom Nachbarverkaufsstand kam ein anderes Mädchen heran und stellte sich schweigend neben seine Freundin. Nun standen die beiden schweigend da - zwei junge Mädchen, die offensichtlich erst vor kurzem die Schule absolviert hatten, alleine vor der versammelten Menge, die ihre Frechheit und Arroganz bereits laut diskutierte.
Am meisten spottete die Menge über den aussichtslosen Wunsch, einen englischen Lord heiraten zu wollen, aber auch im Hinblick auf die Überschätzung des eigenen Äußeren und der vorhandenen Möglichkeiten.
Für die Entspannung der Situation sorgte ein junger Mann, dem mehrere Verkaufsstände auf dem Markt gehörten. Als er herankam, verlangte er zunächst streng, dass der Kunde bedient würde. Als das Mädchen sich wiederholt weigerte, fand er schnell eine Lösung des Problems, die alle Anwesenden zufrieden stellte. Er zog aus seiner Hosentasche ein paar Münzen heraus und sagte zu der Verkäuferin: "Gnädige Frau, würden Sie so freundlich sein, mir zwei Schachteln Zigaretten der Marke ,Prima' zu verkaufen?"
"Bitte", antwortete die junge Frau und reichte ihm die Zigaretten.
Der junge Mann gab die Zigaretten an den angetrunkenen Kunden weiter. Der Konflikt wurde gelöst, und die Menschenmenge zerstreute sich in alle Richtungen.

Diese Geschichte hatte noch eine ziemlich unerwartete Fortsetzung. Seit dem beschriebenen Vorfall richtete ich jedes Mal beim Einkaufen auf dem Markt meine Aufmerksamkeit unwillkürlich auf die beiden jungen Verkäuferinnen. Inzwischen arbeiteten sie genauso geschickt wie ihre älteren Kollegen und doch unterschieden sie sich stark von allen anderen. Sie waren schlank, bescheiden und sauber angezogen, verwendeten nur wenig Make-up und bewegten sich viel eleganter als ihre Kolleginnen. Die Mädchen arbeiteten noch etwa ein Jahr lang auf dem Markt und verschwanden dann plötzlich zur gleichen Zeit.
Ein halbes Jahr später  im Sommer, fiel mir auf demselben Markt eine elegante junge Frau auf, die entlang der Obststände spazierte. Sie unterschied sich von vielen anderen Frauen durch ihre stolze Körperhaltung und moderne, teure Kleidung. Hinter dieser eindrucksvollen Frau ging ein respektabler Mann mit einem Korb voller Obst.
Die junge Dame zog begeisterte Männerblicke und neidische Frauenblicke an und ich erkannte in ihr plötzlich die Freundin der Zigarettenverkäuferin,
Ich ging auf sie zu und erklärte dem jungen Paar, überwiegend jedoch dem unruhig gewordenen Begleiter der Dame, den Grund meiner Neugier. Nach kurzer Überlegung erkannte sie mich schließlich auch. Wir setzten uns an einen Cafètisch unter freiem Himmel. Natascha, so hieß sie, erzählte mir, was in den letzten anderthalb Jahren alles geschehen war.
"An jenem Tag, als Katja vor den Augen vieler Stammbesucher des Marktes ihren Konflikt mit dem angetrunkenen Kunden hatte, haben wir beide beschlossen zu kündigen, um nicht noch weiter belächelt zu werden. Erinnern Sie sich, dass Katja damals sagte, sie würde einen englischen Lord heiraten? Das war die Hauptursache der allgemeinen Belustigung. Uns war klar: Sie werden auch künftig darüber lachen und mit den Fingern auf uns zeigen.
Es gelang uns aber nicht, einen anderen Job zu finden. Wir hatten doch damals gerade erst die Schule beendet und und unsere Ergebnisse der Aufnahmeprüfungen für die Hochschule waren nicht ausreichend, um einen Studienplatz zu bekommen. Nun gut, ich hatte ja immer nur Durchschnittsnoten, Katja war jedoch fast eine Musterschülerin. Trotz ihrer guten Durchschnittsnote in den Aufnahmeprüfungen schaffte sie es nicht, den Platz zu kriegen. Die Anzahl der kostenlosen, freien Studienplätze wurde reduziert und sie war nicht in der Lage, ihr Studium aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Ihre Mutter verdiente zu wenig und ihren Vater kannte sie nicht. Da wir nichts anderes fanden, nahmen wir den Job als Verkäuferinnen auf dem Markt an.
Wir arbeiteten und bereiteten uns parallel für das nächste Jahr auf die Hochschule vor.  Etwa eine Woche nach dem Vorfall mit dem Kunden sagte Katja plötzlich zu mir: ,Ich muss mich gut vorbereiten, damit ich zu einer würdigen Ehefrau eines englischen Lords heranwachse. Möchtest du, dass wir gemeinsam üben?'
Zuerst dachte ich, sie würde scherzen, doch weit gefehlt. Katja war schon zu ihrer Schulzeit sehr hartnäckig.
Sie fand in der Bibliothek ein altes Ausbildungsprogramm für adlige junge Frauen und passte es an die Bedürfnisse der heutigen Zeit an. Danach fingen wir wie besessen an, uns nach Katjas Programm weiterzubilden.
Wir tanzten, machten Aerobic, lernten die englische Sprache und die Geschichte Englands. Außerdem studierten wir die Regeln des guten Benehmens, brachten uns selbst Manieren bei. Wir schauten uns politische Diskussionen im Fernsehen an, damit wir uns darüber mit gebildeten Menschen unterhalten konnten. Sogar bei der Arbeit bemühten wir uns, wie zwei adlige Damen bei einem großen Empfang in der Oberschicht aufzutreten, um unsere Manieren zu trainieren, damit diese für uns natürlich wären.
Unser Verdienst gaben wir nicht aus und sparten sogar an der Kosmetik. Schöne Kleidung und Tickets für eine Reise nach England waren unser Sparziel.
Da keine englischen Lords über den kleinen Markt in Wladimir spazieren gehen, meinte Katja, müssten wir selbst nach England fliegen. Dadurch würden wir unsere Chancen deutlich steigern.
Und so geschah es, dass wir mit einer Reisegruppe in England ankamen. Die zwei Wochen vor Ort verflogen sehr schnell. Dabei wurden wir, wie Sie sich denken können, von keinem englischen Lord empfangen oder begleitet. Ehrlich gesagt, rechnete ich damit auch gar nicht. Ich wollte nur Katja Gesellschaft leisten und machte daher alles mit. Sie aber hatte Hoffnung. Sie ist, wie gesagt, sehr hartnäckig. Auf der Suche nach
ihrem Traummann schaute sich Katja die Gesichter der Engländer aufmerksam an. Wir besuchten sogar zweimal einen Tanzclub, wurden jedoch kein einziges Mal zum Tanzen aufgefordert.
Am Tag der Abreise waren wir schon auf dem Weg zum Bus, der uns zum Flughafen bringen sollte, während Katja sich immer noch hoffnungsvoll umschaute. An einer Treppe hielten wir an. Sie stellte plötzlich ihre Tasche ab und sagte: ,Da kommt er ja.'
Ich sah, dass ein junger Mann, in Gedanken vertieft, ohne uns anzuschauen, auf den Hoteleingang zulief. Meine Vermutung hatte mich nicht getäuscht. Er erreichte unsere Stufe und ging, ohne auf Katja einen Blick geworfen zu haben, an uns vorbei.
Stellt euch nur vor, was dann geschah! Plötzlich drehte sich Katja um und sprach ihren Traummann laut an.
Der junge Mann drehte sich in unsere Richtung um. Langsam, aber entschlossen ging Katja auf ihn zu und sprach auf Englisch: ,Ich heiße Katja. Ich komme aus Russland. Ich fahre jetzt mit meiner Reisegruppe zum Flughafen. Ich sprach Sie an ... ich spürte, dass ich eine gute Ehefrau für Sie werden kann. Ich liebe Sie zwar noch nicht, aber ich werde Sie lieben. Und Sie werden mich lieben lernen. Wir werden wunderbare Kinder haben. Einen Jungen und ein Mädchen. Wir werden glücklich sein. Und jetzt, natürlich nur wenn Sie wollen, können Sie mich zum Flughafen begleiten.'
Der junge Engländer sah Katja mit ernstem Blick an und brachte kein Wort heraus. Wahrscheinlich war er vor Überraschung ganz gelähmt. Dann sagte er, er habe gleich ein wichtiges geschäftliches Treffen, wünschte eine gute Reise und setzte seinen Weg fort.
Auf dem Weg zum Flughafen schaute Katja die ganze Zeit aus dem Fenster. Wir sprachen kein Wort. Es war uns beiden peinlich, dass die Mitreisenden das Geschehen am Hoteleingang mitbekommen hatten. Trotz der Stille nahm ich mit meinem ganzen Körper wahr, wie Katja von ihnen belächelt und verurteilt wurde.
Als wir am Flughafen ankamen und Katja die Treppe herunter lief, wurde sie von ihrem jungen Engländer mit einem riesigen Blumenstrauß überrascht.
Sie stellte ihre Tasche auf dem Asphalt ab, nein - sie ließ sie einfach fallen, beachtete den Blumenstrauß nicht, schmiegte sich fest an seine Brust und fing an zu weinen.
Er ließ den Strauß fallen. Die Blumen fielen ungeordnet auf die Straße. Die Mitreisenden und ich fingen an, die Blumen aufzusammeln. Die beiden standen aber da, als ob es niemanden um sie herum gäbe. Der Engländer fuhr mit seiner Hand durch Katjas Haare und sagte zu ihr: ,Was für ein Dummkopf muss ich gewesen sein. Beinahe hätte ich die Frau meines Lebens verpasst. Ich hätte es mir mein ganzes Leben lang nicht verziehen, wenn ich sie jetzt verpasst hätte. Ich danke dir, dass du mich gefunden hast.' Der Abflug der Maschine nach Wladimir wurde verschoben. Ich erzähle jetzt nicht, wie ich es geschafft habe, aber es ist mir gelungen, sie aufzuhalten.
Wie sich später herausstellte, stammte ihr Engländer aus einer Diplomatenfamilie und hatte auch selbst vor, in einer Botschaft zu arbeiten.
Als wir nach Russland zurückgekehrt waren, rief er Katja jeden Tag an. Sie unterhielten sich jedes Mal sehr lange. Jetzt lebt sie in England und ist schwanger. Ich glaube, sie lieben einander wirklich sehr. Seitdem glaube ich an die Liebe auf den ersten Blick."

Nachdem Natascha mir diese wundervolle Geschichte erzählt hatte, lächelte sie den Begleiter an ihrer Seite an. Ich fragte ihn, wie lange sie einander schon kennen würden. Und der junge Mann antwortete: "Ich war doch selbst damals einer der Mitreisenden. Als der Engländer seine Blumen verstreute und Natascha sie aufsammelte, half ich ihr dabei. Und nun laufe ich hinter ihr her und muss den Korb mit den Früchten tragen. Ach, wäre ich doch ein englischer Lord!"
Natascha legte ihre Hand sanft auf die Schulter ihres Begleiters und sagte lächelnd: "Die englischen Lords können doch den echten russischen Männern nicht das Wasser reichen."
Dann drehte sich die glückliche Frau zu mir um und sagte: "Andrej und ich haben vor einem Monat geheiratet. Wir sind hierhergekommen, um meine Eltern zu besuchen."